Psychoanalyse im Gespräch

Gespräch mit Joachim Gauck – über Erschütterungen, Angst und Freiheit am 9.11.2024

Zunehmende Klimaveränderungen, kriegerische Auseinandersetzungen in Europa und Nah-Ost, die vor dem Einsatz von Atomwaffen nicht zurückschrecken und nicht zuletzt das Erstarken rechtsextremer Parteien in Europa erschüttern uns. Die jüngste Shell-Jugendstudie weist aus, dass junge Menschen einerseits ein weiterhin hohes Vertrauen in den demokratischen Staat haben, andererseits besorgt in die Zukunft blicken. So sehen 81% der 15-25j. den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedroht, 67% befürchten eine steigende Armut in unserer Gesellschaft und die Angst vor den Auswirkungen der Klimakrise ist mit 64% gleichbleibend auf hohem Niveau.

Sigmund Freud legte 1926 in seiner revidierten Angsttheorie dar, dass Angst zum Leben dazugehört und der Mensch selbst einen sehr individuellen Umgang mit Ängsten zeitigt. Sie kann Entwicklung stimulieren, lähmen, manche betäuben sie, manche verschieben sie auf etwas, eigentlich Ungefährliches. Wie sehr unsere Demokratie von innen und außen erschüttert wird, beschreibt Joachim Gauck in seinem neuesten, 2023 erschienenen Buch “Erschütterungen – Was unsere Demokratie von innen und außen bedroht”. Er war bereits als Pastor eine Schlüsselfigur der friedlichen Revolution 1989, später als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen und Bundespräsident einer der einflussreichsten Demokratiegestalter Deutschlands.

Der 9. November erinnert uns an den Mauersturz vor 35 Jahren und an die Novemberrevolution im Jahr 1918, zugleich auch an die schrecklichen Pogrome von 1938. Dieser Tag ist im kollektiven Gedächtnis verankert und verbindet uns mit deutschen Erschütterungen im positiven wie negativen Sinne.
Wir konnten an diesem denkwürdigen Tag mit Joachim Gauck und miteinander ins Gespräch kommen.
Leider haben wir nicht die ganze Veranstaltung aufgezeichnet, so dass ich hier nur einen kleinen Ausschnitt einstellen kann, der aber sehr eindrücklich die Atmosphäre des Nachmittags abbildet.

Veranstalter:

Moderation:

  • Thomas Abel: Psychoanalytiker und Lehranalytiker (DGPT)
  • Prof. Jan-Hendrik Olbertz: Präsident der IPU
  • Ulrike Vetter: 1. Vorsitzende des DGPT-LV-Berlin-3P

  

Rückschau auf die Veranstaltung

Die DGPT zur Veranstaltung “Psychoanalyse im Gespräch” mit dem Bundespräsidenten a. D. Joachim Gauck

von Ulrike Vetter, Thomas Abel, Jan-Hendrik Olbertz, Felix Hoffmann

Am 9. November 2024 fand ein besonderes Treffen mit Bundespräsident a. D. Joachim Gauck in der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin (IPU) statt: Aufgrund einer Initiative unseres Mitglieds Thomas Abel (Berlin) sprach er auf Einladung von DGPT und IPU über Erschütterungen und Ängste. Anlass war der 9. November, ein für Deutschland geschichtsträchtiger Tag – erinnert er doch an die Novemberrevolution 1918, an die Reichspogromnacht 1938, aber auch an die friedliche Revolution von 1989, oft kurz als „Mauerfall“ bezeichnet.
Die den Ostdeutschen mit dem „Fall“ (im doppelten Wortsinn) der Mauer 40 Jahre lang versagte, dann von ihnen zurückerkämpfte Freiheit war und ist ein immenser Gewinn. Das galt für alle Mitglieder des Gesprächspodiums, die alle (Joachim Gauck, Jan-Hendrik Olbertz – Präsident der IPU, Ulrike Vetter – LV Berlin und Thomas Abel) einen wesentlichen Teil ihres Lebens in der DDR verbracht haben. So war es wohl allen bekannt, um was es geht, wenn vom 9. November 1989 die Rede ist: um elementare Bürgerrechte, völlig neue Möglichkeiten der Teilhabe, um ungehinderten Austausch mit anderen, gegenseitigen Respekt und Meinungsvielfalt, um Mitgestaltung und Übernahme von Verantwortung.

Joachim Gaucks Eindruck nach sind Westdeutsche in Demokratie und Freiheit aufgewachsen und manche so sehr damit identifiziert, dass sie sie als etwas selbstverständlich Vorhandenes ansehen, für das sie nicht immer wieder neu kämpfen müssen. Einige Ostdeutsche haben erlebt, dass ein sehr rigides und autoritäres Regime mit friedlichen Mitteln gestürzt werden kann. Immer wieder erfreuen sie sich an Freiheit und Demokratie, spüren aber auch ihre Bedrohtheit. Diese kommt von außen, aber auch von innen, vor allem von denjenigen, die Angst vor der Freiheit haben und diese Angst durch stark wirkende Leitfiguren verringern möchten, denen sie ihr Über-Ich abtreten, wie es schon Freud in “Massenpsychologie und Ich-Analyse” beschrieb.
Den Preis der Freiheit erleben viele als Verlust von Sicherheit; die eingeübte Praxis, anderen die eigene Unzufriedenheit anzulasten, wird dadurch eher bestärkt als überwunden. Geht ein solches Empfinden mit Geringschätzung der Demokratie einher, gerät die Freiheit erneut in Gefahr.

Joachim Gauck machte im Gespräch mit seinen Mitdiskutanten auf dem Podium und aus dem Auditorium auch sehr deutlich, dass Demokratie eben nur durch Engagement, durch gelebte Mitgestaltung funktioniert.

Die Veranstaltung war für 100 Personen ausgelegt, die Plätze waren innerhalb von Stunden ausgebucht. Der auf Einladung der DGPT ausgerichtete kleine Empfang fand regen Zuspruch, ebenso die von Joachim Gauck angebotene Signierung seiner Bücher.

Die Kolumne im November von IPU-Präsident Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz

Kürzlich war Bundespräsident a. D. Joachim Gauck zu Gast in der IPU. Auf Einladung von DGPT und IPU sprach er mit uns über Erschütterungen und Ängste. Anlass war der 9. November, ein für Deutschland geschichtsträchtiger Tag – erinnert er doch an die Novemberrevolution 1918, an die Reichspogromnacht 1938, aber auch an die friedliche Revolution von 1989, oft kurz als „Mauerfall“ bezeichnet, als sei die Mauer unvermittelt „umgefallen“.

Die den Ostdeutschen mit dem „Fall“ (im doppelten Wortsinn) der Mauer 40 Jahre lang versagte, dann von ihnen zurückerkämpfte Freiheit war und ist ein immenser Gewinn. Das gilt auch für mich persönlich, habe ich nun doch genau die Hälfte meines Lebens in der DDR verbracht und die andere „im Westen“, topografisch an ein- und demselben Standort. So weiß ich, worum es geht, wenn vom 9. November 1989 die Rede ist: um elementare Bürgerrechte, völlig neue Möglichkeiten der Teilhabe, um ungehinderten Austausch mit anderen, gegenseitigen Respekt und Meinungsvielfalt, um Mitgestaltung und Übernahme von Verantwortung.
Aber nicht alle Ostdeutschen sehen das so; viele hadern mit der neuen, anfangs bejubelten Freiheit. Denn schnell haben sich neue Ängste eingestellt, nicht selten gegründet auf handfeste Erfahrungen: Angst vor der Entwertung individueller Lebensentwürfe, Angst vor sozialem Abstieg, vor kultureller Überfremdung und mehr – in Gestalt vielfältiger Projektionen oder Kompensationen. Den Preis der Freiheit erleben viele als Verlust von Sicherheit; die eingeübte Praxis, anderen die eigene Unzufriedenheit anzulasten, wird dadurch eher bestärkt als überwunden. Geht ein solches Empfinden mit Geringschätzung der Demokratie einher, gerät die Freiheit erneut in Gefahr. Angesprochen auf die Ernüchterung nach der Euphorie zur Wiedervereinigung von Ost und West reagierte Gauck mit der knappen Bemerkung „Erst kommt die Hochzeit, dann die Ehe“.
Demokratie funktioniert nur durch Engagement, durch gelebte Mitgestaltung. Man „wird“ nicht einbezogen, sondern muss sich selbst einbringen. Doch ist die Demokratie auch nicht etwas, worüber die Menschen immerfort belehrt werden müssen, und wovon Ausschluss droht, wenn die gewünschte Einsicht ausbleibt. Demokratie will täglich erfahren werden und greifbare Teilhabe ermöglichen, die sie dann auch verlangt. Das wiederum setzt voraus, dass die Politik unsere Alltagssorgen ernstnimmt und nicht über unsere Köpfe hinwegregiert.

Weitere Veranstaltungen in Planung

Das Thema und das Format der Veranstaltung sind auf so viel Interesse gestoßen, dass wir sie gemeinsam fortsetzen wollen. Wir freuen uns über Ideen und Anregungen.