Seit 1923 wurde Freuds Triebtheorie durch eine Fülle weiterer Konzepte erweitert, in denen viele andere Wünsche, Sehnsüchte, aber auch Ängste, Schuld-und Schamgefühle, sowie verschiedene Arten von Bindungen und Mentalisierungen einbezogen wurden. Die Psychoanalyse wurde zu einem immer breiteren Fluss mit vielen Zuflüssen. Daraus entstand die Objektbeziehungspsychologie, die heutige Hauptströmung der Psychoanalyse. Objekt steht dabei für den anderen Menschen, der Bedürfnisse erfüllt, wird gegenwärtig aber durch den Begriff Subjekt ersetzt, ein Wesen mit ganz eigenen Intentionen. Die wichtigsten Ansätze dieser Strömung wurden in der Vortragsreihe dargestellt, vor allem wie sie unser therapeutisches Denken und Handeln verändern. Die Veranstaltung fand viele interessierte Zuhörende und brachte uns vielfältig ins Gespräch.
Erläuterungen: Der schottische Psychoanalytiker Ronald Fairbairn erweiterte und reformierte in den 1940er Jahren Freuds Triebtheorie, indem er sagte, dass die Libido nicht nach Befriedigung, sondern nach einem Objekt, also nach einem anderen Menschen sucht. Die zentrale Motivation des Menschen ist danach nicht, Triebimpulse am anderen abzureagieren, sondern ein Gegenüber zu finden, mit dem zusammen sehr unterschiedliche Wünsche erfüllt und Gefühle geteilt werden können. Gemeinsam mit anderen prägte er damit die “Objektbeziehungspsychologie”, die heute die Hauptströmung der Psychoanalyse darstellt. Sie hat die duale Triebtheorie Freuds, in der es nur den Sexual- und den Todestrieb gab, um eine Fülle zentraler menschlicher Grundbedürfnisse erweitert. Die Konflikte, für die wir alle in unserem Leben kompromisshaft Lösungen finden müssen, sind nun nicht mehr nur Triebkonflikte, sondern Konflikte die mit der Entfaltung oder Versagung von ganz unterschiedlichen Grundbedürfnissen zu tun haben. Erstmals wurden 2023 die wichtigsten Konzepte der Objektbeziehungspsychologie und die Menschen, die sie geschaffen haben, im “Handbuch der Objektbeziehungspsychologie” zusammenfassend dargestellt. Es wurde von Thomas Abel herausgegeben und enthält das Kondensat dessen, was in 123 Jahren Psychoanalyse entstanden ist.
Die Vortragsreihe gab einen Überblick über die Entstehung dieser Strömung, die kein Ismus wurde, weil es nicht den einen, charismatischen Begründer gab, über ihren aktuellen Stand und über ihren allmählichen Übergang vermutlich in eine intersubjektive Strömung. Buispielhaft werden die Ansätze einzelner Autoren und Konzepte dargestellt.