Vorlesung und Kurs bei der Erfurter Psychotherapiewoche vom 12.-16.9.2026

Bei der Erfurter Psychotherapiewoche 2026 habe ich eine Vorlesung zur Objektbeziehungspsychologie gehalten, sowie einen Kurs in psychodynamischer Traumatherapie gegeben. Die Vorlesung war mit 80 Teilnehmenden gut besucht. Im Kurs habe ich die Rückmeldung bekommen, Kolleginnen und Kollegen zu einer traumatherapeutischen Arbeit ermutigt zu haben.

Thomas Abel: Mehr als Libido und Todestrieb: Objektbeziehungspsychologie als die gegenwärtige Hauptströmung der Psychoanalyse

  • Vorlesung B2 online und in Präsenz mit 80 Teilnehmenden: Samstag, 12.09.2026 bis Mittwoch, 16.09.2026, jeweils 12:00 bis 13:30 Uhr
  • Der schottische Psychoanalytiker Ronald Fairbairn erweiterte und reformierte in den 1940er Jahren Freuds Triebtheorie, indem er sagte, dass die Libido nicht nach Befriedigung, sondern nach einem Objekt, also nach einem anderen Menschen sucht. Die zentrale Motivation des Menschen ist danach nicht, Triebimpulse am anderen abzureagieren, sondern ein Gegenüber zu finden, mit dem zusammen sehr unterschiedliche Wünsche erfüllt und Gefühle geteilt werden können. Gemeinsam mit anderen prägte er damit die “Objektbeziehungspsychologie”, die heute die Hauptströmung der Psychoanalyse darstellt. Sie hat die duale Triebtheorie Freuds, in der es nur den Sexual- und den Todestrieb gab, um eine Fülle zentraler menschlicher Grundbedürfnisse erweitert. Die Konflikte, für die wir alle in unserem Leben kompromisshaft Lösungen finden müssen, sind nun nicht mehr nur Triebkonflikte, sondern Konflikte die mit der Entfaltung oder Versagung von ganz unterschiedlichen Grundbedürfnissen zu tun haben. Erstmals wurden 2023 die wichtigsten Konzepte der Objektbeziehungspsychologie und die Menschen, die sie geschaffen haben, im “Handbuch der Objektbeziehungspsychologie” zusammenfassend dargestellt. Es wurde von Thomas Abel herausgegeben und enthält das Kondensat dessen, was in 123 Jahren Psychoanalyse entstanden ist.
  • Literatur:
  • Die Vorlesung gab einen Überblick über die Entstehung dieser Strömung, die kein Ismus wurde, weil es nicht den einen, charismatischen Begründer gab, über ihren aktuellen Stand und über ihren allmählichen Übergang vermutlich in eine intersubjektive Strömung. Beispielhaft wurden die Ansätze einzelner Autoren und Konzepte dargestellt. Dr. Peter Conzen und Prof. Hans-Jürgen Wirth übernahmen jeweils eine Vorlesung.
  • Themen an den 5 Tagen waren:
    1. 12.9.26: Was ist Objektbeziehungspsychologie? Geschichtliches, Definition, Begriffe und Untergliederungen
    2. 13.9.26: Melanie Klein: Die depressive Position; Margaret Mahler: Symbiose und Individuation; Clare und Donald Winnicott: Übergangsobjekte; John Bowlby: Bindungstheorie; Heinz Kohut: Narzissmus und Selbstobjekt, Peter Fonagys Mentalisierungstheorie und anderes.
    3. 14.9.26: Erik H. Erikson: Wegbereiter der modernen Identitätspsychologie (Peter Conzen)
    4. 15.9.26: Zur Aktualität von Horst-Eberhard Richters Theorie familiärer Verstrickungen (Prof. Hans-Jürgen Wirth)
    5. 16.9.26: Neuere Entwicklungen in der Objektbeziehungspsychologie: Joseph Weiss, Christopher Bollas, Jessica Benjamin und Donna Orange

Thomas Abel: Einführung in die psychodynamische Traumatherapie

  • Kurs 407a/b, Samstag, 12.09.2026 bis Mittwoch, 16.09.2026, jeweils von 16:00 bis 17.30 und 17:45 bis 19:15 Uhr
  • Das Wort Trauma stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet Wunde. Sie wird einem Menschen durch körperliche, sexuelle oder emotionale Gewalt, durch extreme Vernachlässigung oder Isolation zugefügt, denen er hilflos ausgeliefert ist und die seine Verarbeitungsmöglichkeiten bei weitem übersteigen. Die Verletzung ist umso größer, je früher im Leben sie zugefügt wird, je länger sie andauert und je vertrauter die Beziehung zu den Tätern ist. Vertrauen in die Mitmenschen verwandelt sich in Misstrauen. Die Hälfte aller Menschen wird im Laufe ihres Lebens traumatisiert. Bei 12% der Frauen und 6% der Männer entwickelt sich daraus eine posttraumatische Belastungsstörung, bei anderen eine Depression, Angst-, Sucht-, Ess- oder Borderline-Störung. Damit sind mehr als die Hälfte der jährlich registrierten 27,8% psychischer Erkrankungen auf Traumatisierungen zurückzuführen. Durch die Zerstörungen des Klimawandels und der Verteilungskriege werden diese Zahlen in den nächsten Jahrzehnten deutlich ansteigen. Inzwischen gibt es sehr wirksame psychotherapeutische Verfahren, wie kontrollierte, randomisierte Studien zeigen. Der Kurs war eine Einführung in einen psychoanalytischen Ansatz, der vor allem die psychodynamisch-imaginative Traumatherapie nach Reddemann beinhaltete, ergänzt um Elemente der übertragungsfokussierten Therapie nach Kernberg, sowie um verhaltenstherapeutische Skills.
  • Themen an den 5 Tagen in den beiden Doppelstunden (DS):
    1. 12.9.2026: Was ist ein Trauma und welche Folgen hat es laut ICD und DSM? Äußere Sicherheit: Rahmenbedingungen und Therapievereinbarungen;
    2. 13.9.2026: Anspannungskurve und Skills zur Rückkehr in den Bereich des Nachdenkens und Fühlens; Beobachtertechnik – Vorstellung und Kleingruppenarbeit
    3. 14.9.2026: imaginative Arbeit mit jüngeren Ichs – Vorstellung und Kleingruppenarbeit
    4. 15.9.2026: imaginative Arbeit mit destruktiven Objekten und Täterintrojekten – Vorstellung und Kleingruppenarbeit
    5. 16.9.2026: Bildschirmtechnik und Traumakonfrontation